curriculum_vitae


2004

Das Volk der Kuss



Plak-Art

„Das Bild sucht die Öffentlichkeit“

Plakate besitzen Appellcharakter. Sie wollen sicherstellen, dass intendierte Botschaft die Rezipienten erreicht und vor allem, dass sie etwas bewirkt. Ein Produkt soll gekauft, ein Politiker gewählt, ein Urlaubsland gebucht werden. Das Plakat arbeitet mit „heimlichen“ Botschaften. Die „plakative“ Ausdrucksweise ist pointiert, stellt sicher, dass auch die Assoziationsketten in die gewünschte Richtung weisen, d. h. dass der Empfänger die Gedanken zu den Text- und Bildimpulsen entwickelt, die vom Produzenten gewünscht sind.
Die plakative Sprache muss klischeehaft sein, da komplexe, differenzierte Botschaften mehrdeutig sind und nicht rasch entschlüsselbar.
Das Plakat ist im öffentlichen Raum platziert, er muss möglichst rasch, im „Vorbeigehen“ wahrgenommen und „gelesen“ werden.


Hans Wetzelsdorfer greift die Mittel der Plakatsprache in seiner Serie „Das Bild sucht die Öffentlichkeit“ auf und präsentiert die Ergebnisse konsequenterweise als Plakataktion dort, wo sie auch hingehört, nämlich auf öffentlichen Plakatständern. Seine Intention ist es aber, mit den visuellen und verbalen Codes des Massenmediums Plakat zu experimentieren, um ihre Wirkungsweise bewusst zu machen. Als Thema nimmt er auch die Tourismuswerbung. Dabei greift er bewusst auf klischeehafte Elemente zurück, die er aber gegeneinander ausspielt, sie gegenseitig auflaufen lässt oder Brüche erzeugt.


Der Slogan „Auf zu neuen Ufern“ suggeriert eine Aufbruchssituation, Großes und Neues wird erwartet, Weite, Unternehmungsgeist. In Bezug auf die Burgenlandwerbung kann auch die flächenhafte Ausdehnung des Neusiedler Sees gemeint sein. Auch die Körperhaltung des weiblichen Modells vermittelt den Wunsch, abheben zu wollen oder vielleicht auch mit einem Kopfsprung sich ins Wasser beziehungsweise ins neue Abenteuer zu stürzen. Im Kontrast dazu steht die Badewanne in ihrer Beschränktheit auf zwei Quadratmeter, die Kleinkariertheit, lokale Enge und Begrenztheit assoziieren lässt.


Genauso geht er mit den anderen Sujets um. Die ungarische Aufschrift lautet „Achtung goldener Westen“ und verweist einerseits auf die Träume, die der unerreichbare Westen im ehemaligen Ostblock evoziert hat und die gesellschaftliche Realität, die ja nicht nur paradiesisch ist.


Gewagt ist die Kombination „Frau auf weißem Pferd“, das erotische Kitschbilder auf Korn nimmt. Aber auch hier findet sich wieder der Bruch: Das Pferd galoppiert nicht wild über die ausgedehnten pannonischen Ebenen, sondern muss als Standbild am Platz verharren. Die Sehnsucht des Betrachters wird unvermittelt abgestoppt, beschnitten.


Oft kritisiertes Sujet in der Werbung, vor allem aus feministischem Blickwinkel bzw. zeitgemäßer ausgedrückt unter dem Genderaspekt, ist die nackte Frau, die auf das Objekt der Begierde reduziert wird. Der Verweis auf Erotik, Sexualität verfehlt niemals seine Wirkung, Aufmerksamkeit zu erregen. In der Werbung soll diese Aufmerksamkeit auf das Produkt übertragen werden. Die nackte Frau, ist wohl das am meist missbrauchte Klischee in der Werbung. Wetzelsdorfer wagt es provokant zu thematisieren, allerdings mit dem Bewusstsein, dass diese eindimensionale Darstellung der Frau in unserer Gesellschaft längst als Provokation empfunden wird und nicht mehr unkritisch hingenommen wird. Eine bereits stattgefundene Diskussion und erfolgte Bewusstseinsbildung kann nicht mehr völlig ausgelöscht werden.


2004 Eva Maltrovsky



Crash