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Alexandra Schantl

Hans Wetzelsdorfer bewegt sich in den einzelnen Phasen seines Schaffens zwischen der so genannten abstrakten oder konkreten Fotografie und jenem dokumentarischen Aspekt, der diesem Medium gemeinhin unterstellt wird. Im Laufe seiner langjährigen fotografischen Tätigkeit hat er weder ausschließlich der einen noch der anderen Richtung den Vorzug gegeben, sondern sich stattdessen eine Offenheit für Neues bewahrt. Es sind die vielfältigen formalen und technischen Möglichkeiten des Mediums selbst, die den Impetus seiner künstlerischen Arbeit ausmachen.
Im Falle der abstrakten bzw. konkreten Fotografie, die bewusst auf die Wiedergabe von Gegenständen der äußeren Realität verzichtet, geht es um die Darstellung medienimmanenter Faktoren (Licht, fotochemische und generative Prozesse etc.). Was dabei entsteht, sind abstrakte Bilder, gewissermaßen reine Lichtbilder, Fotografien der Fotografie.
Bei den Arbeiten aus der Serie „crash“ hat Wetzelsdorfer diesen experimentellen Ansatz um die Möglichkeit der digitalen Bildbearbeitung erweitert, indem er - ausgehend von einer korrumpierten Bilddatei einer ursprünglich analogen, „wirklichkeitsbezogenen“ Aufnahme – die durch den Computer unbeabsichtigt erfolgte Fragmentierung positiv, nämlich zur Erzeugung neuer, nunmehr abstrakter Bilder, verwertet hat. Dadurch kommt es im Sinne einer bewussten Reaktion auf die heute vorhandenen Möglichkeiten, technisch makellose Bilder herzustellen, zu einer Ästhetisierung des „Abfalls“, des „Unperfekten“.
Der Zweifel am Authentizitätsanspruch der Fotografie hat zwar mit den Fortschritten der digitalen Technik einen bis dato ungeahnten Höhepunkt erreicht, stand aber immer schon im Mittelpunkt medientheoretischer Reflexionen und künstlerischer Strategien. Das liegt zum einen daran, dass die Fotografie im Allgemeinen ohnehin nur Ausschnitte aus dem Ganzen der uns umgebenden Wirklichkeit liefern kann und zum anderen daran, dass diese Ausschnitte vom subjektiven Blick desjenigen bestimmt sind, der den Auslöser drückt: Das, was der Fotograf als sehenswert erachtet, ist der Bildgegenstand. Das Foto dient so zur Veranschaulichung einer Idee; es ist Ausdruck einer individuell wahrgenommenen Wirklichkeit.
Das trifft insbesondere auf Wetzelsdorfers fotografische Städtebilder zu, die nicht als bloße Dokumentation von Reiseeindrücken zu verstehen sind, sondern vielmehr die unverwechselbare Handschrift des Künstlers bezeugen und zugleich seine Befindlichkeit widerspiegeln. Abseits touristischer Trampelpfade und mit einem unbestechlichen Blick hinter die Kulissen entstanden, haben diese Bilder allgemeine Gültigkeit. – Insofern als sie, ohne einer narrativen Linie zu folgen, von urbaner Anonymität, von der Skurrilität alltäglicher Situationen, von Einsamkeit, Erotik und Lebenslust erzählen.
Anders formuliert, interessiert sich Hans Wetzelsdorfer für das, was sich unserer Aufmerksamkeit üblicherweise entzieht, für das „Dahinterliegende“, und somit auch für die Rückseite der Kunst. Dementsprechend sind seine aus zwei Plexiglasscheiben bestehenden, jeweils mit einem Vogelschwarm und einer Landschaft bedruckten Bildobjekte aus der Serie „Freiflug“ nicht für die Präsentation an der Wand, sondern freistehend konzipiert, so dass eine Betrachtung von beiden Seiten möglich ist. Auf dem gleichen Prinzip basieren auch die Lichtobjekte, bei denen durch den schichtartigen Aufbau ebenfalls verschiedene Motive übereinander gelagert werden, jedoch aufgrund der zusätzlich eingeschobenen Leergläser eine räumliche Wirkung entsteht. Indem hier also mehrere, unter normalen Umständen nur getrennt voneinander wahrzunehmende Realitätsebenen zu einem Bild zusammengefügt werden, thematisieren diese Objekte letztlich auch die Schwierigkeit der Darstellung des Phänomens der Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem.

 

 

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