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Josef Pauschenwein

THINK BIG

Die Aufforderung ist prägnant, eindeutig! Da setzt jeder sofort ein Rufzeichen, für sich oder für die andern. Wozu noch Worte verlieren, wenn alles klar ist?
Aber Kunst – und das ist einer ihrer wesentlichsten Merkmale – ist niemals ganz klar. Wenn alles offen liegt, wenn keine Frage, kein Rätsel bleibt, dann handelt es sich nicht um Kunst, sondern höchstens um Design, um Schmuck, um das Zufällige und Austauschbare um das, was immer auch anders sein könnte.

THINK BIG – das ist zwar eindeutig in der Sprache und doch vielfältig und hintergründig, das ist Kunst auf hohem Niveau.
Ich möchte also dem Rätsel, das die Künstler Johann Karner und Hans Wetzelsdorfer in die Landschaft gestellt haben, ein bisschen nachspüren, es hinterfragen.

THINK BIG – und schon folgen wir und sind bereit, groß zu denken; darunter steht auf der Einladungskarte "Kunst im Bach" – und sofort werden wir gedanklich auf das Kleine verwiesen, denn nach dem Rinnsal ist der Bach das kleinste Gewässer. Hier findet sich der erste Hinweis, dass Größe immer auch vom Standort, vom Blickwinkel abhängig ist und keinen absoluten Messwert angibt.
  
Die Wahl des Standortes für die Installation, der Bach – oder ist es nicht doch ein Fluss? - soll uns zuerst Aufschluss geben:  
Dieser Bach ist selten ganz. Es fehlt das Wasser. Aber wir wissen, das Wasser hat dieses Bett geformt, es war da, das Wasser wird wieder kommen. Mit der Steuerung des Blickes in dieses Bachbett schafft es diese Installation die Zeit als Grundbedingung unserer Erfahrung einzufangen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind in dem einen Blick als Hintergrunderfahrung vereint.

THINK BIG, das prangt nicht von einer Höhe herab, ja es steht nicht einmal am Ufer der Schwarza, obwohl es dort einen sicheren Stand hätte, obwohl es dort die Chance gäbe, dass es nicht nach den Wochen des Viertelfestivals wieder abmontiert werden müsste. Es steht am tiefsten Punkt. Es sucht den Grund. Johann Karner kehrt damit zurück zu seinen ganz persönlichen Wurzeln, auf die Spielfläche des Buben, dorthin wo die ersten "großen Gedanken" entstanden sind; denn die Träume der Kindheit sind niemals klein!
Als Gemeinschaftswerk, das den Boden sucht, bekommt es aber eine viel größere, nämlich eine geschichtlich-philosophische Dimension. THINK – Denke! – und damit kommen wir zur zweiten Ebene, zu der des Schriftzugs.

Die Schrift, dieser eingefrorene Gedanke, verlässt schon literarisch die Ebene der vertrauten Kommunikation und wird poetisch verdichtet. Als Mittel in der Bildenden Kunst hat die Schrift im vorigen Jahrhundert vielfach Bedeutung gewonnen. In der Avantgarde, im Surrealismus, der Konzeptkunst, der Neoavantgarde, im Graffiti, … Ich erinnere an Robert Longos LOVE, an die Schrifttafeln von Joseph Beuys, an Barbara Krugers philosophisch-kritische Antworten auf  Werbung, an die Schriftzüge in Neonlicht von Mario Merz, .. und wer kennt nicht René Magrittes Werk "Der Verrat der Träume", jener Abbildung einer Pfeife, unter der die Schrift verrät: "Das ist keine Pfeife"?  
Think Big, das ist minimalistische, sprachliche Verdichtung. In diesen beiden Worten versammelt sich alles an Mut, an Hoffnung, an Sehnsucht und Träumen, was zur Auszeichnung der Spezies Mensch gehört.

Wieder in Verbindung mit dem gewählten Standort schlägt THINK BIG die Brücke zurück zu den Anfängen des Denkens, dort, wo es sich aus der Befangenheit des Mythos befreite. THINK BIG stellt die Verbindung her zum großen Startschuss des Denkens der abendländischen Kultur; zu Parmenides, dem Denker der Einheit und seinem Gegenspieler Heraklith, dem Denker der Vielfalt, der Bewegung, des Streites.
Und Karner und Wetzelsdorfer haben zwar gemeinsam dieses Werk gestaltet, aber Gott sei Dank nicht in Gleichschaltung sondern in gegenseitiger Entwicklung der Gedanken.
Der eine, Johann Karner, sieht die Chance sowohl für den Einzelne als auch für die Gemeinschaft, dass die Orientierung am großen Gedanken eines positiven Ideals zu einer besseren gemeinsamen Zukunft führt. Der andere, Hans Wetzelsdorfer, wittert die Gefahr, dass schon das Ideal falsch sein könnte und man gemeinsam ins Verderben läuft.

Die in Anätzen angesprochene Mehrschichtigkeit der Installation, die  Fragwürdigkeit die die Platzierung im Flussbett aufwirft und diese Spannung zwischen zwei Denkfiguren sind eindeutige Indizien eines geglückten Werkes.

Seien wir also gewarnt! THINK BIG ist keine so eindeutige Aufforderung wie sie uns zuerst entgegenkommt. Es handelt vom Denken. Aber hier geht es nicht um Denken in geschlossenen Ideologien, hier geht es nicht um Verführung in eine Richtung – sondern THINK BIG kann uns herausführen aus einem schablonenhaften und konventionellen Denken. Das Werk will und kann Anstoß sein nachzudenken, neu zu denken, genau zu denken und mutig zu denken!
Mit diesem Anspruch wird es zeitlose Kunst und trifft doch messerscharf den Nerv einer Zeit, in der genau diese Qualitäten im
gesellschaftspolitischen Diskurs überlagert werden von Kleinmut und Ängstlichkeit. Es werden wieder ideologische und tatsächliche Grenzen hochgezogen, der Weg zum Weltbürgertum wird verstellt. Die Errungenschaften der Aufklärung, die in Kants Dreischritt – selbst denken, verantwortungsvoll denken, verantwortungsvoll für andere denken – auch in der Installation THINK BIG zart anklingt, scheinen mehr und mehr vergessen.

 

Und wie der große Berg im Hintergrund der Installation, wie dieser höchste Berg des Landes NÖ immer wieder neu zur Besteigung einlädt, so lädt dieses Werk im Fluss uns ein, es ständig neu zu erobern. Nützen wir die Chance!

 

 

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