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Dr.Eva Maltrovsky

... mit anderen Augen. Zum fotografischen Werk Hans Wetzelsdorfers.

Hans Wetzelsdorfer nimmt in der burgenländischen Kunstszene einen besonderen Platz ein, da er sich als einer der wenigen der Fotografie als Ausdrucksmittel bedient. Dabei gelingen ihm immer wieder neue, ästhetisch herausfordernde Bilder. Ständig offen für Neues, niemals auf einem Erfolgsrezept verharrend, wendet sich Hans Wetzelsdorfer nach einer Phase der Auseinandersetzung mit experimenteller Fotografie wieder verstärkt dem abbildenden, realistischen Charakter der Fotografie zu und knüpft an frühere Werkphasen an, wie in diesem Katalog dokumentiert wird.

Grundsätzlich ist zu bemerken, dass die Fotografie nicht als spezielle Gattung zu sehen ist, sondern dass sie heute zum Bereich der bildenden Kunst zählt, die sich einer spezifischen Technik unter anderen bedient. Neben einer funktionalen Fotografie existiert eben die künstlerische, von der ich zumindest einige wesentliche Entwicklungsschritte skizzieren möchte:

Der rein abbildende Charakter der Fotografie wird bereits ab 1920 sowohl durch Theorie und Werk von Lászlò Moholy-Nagy, aber auch Alexander von Rodtschenko, Man Ray u.a. in Frage gestellt. Analog zur Malerei experimentiert eine „konkrete“ Fotokunst mit dem „Material“ Licht, lichtbrechenden und reflektierenden Medien, mit lichtempfindlichen Schichten und Emulsionen. Möglichkeiten und Strukturen des Mediums werden ausgelotet. Bemerkenswert ist, dass bereits in dieser Zeit auch Maler die Technik der Fotografie als Ausdrucksmittel einsetzen. Theo van Doesburg vertritt die Theorie des fotografischen „Elementarismus“, den er versteht als „geistigen Rebell, einen Unruhestifter, der auf Kosten der eigenen Ruhe die Ruhe des Regelhaften und die Wiederholung des bürgerlichen Lebens mutwillig zerstört...“ Es war ein Spiel mit und gegen den „Apparat“.

Ab 1960 setzten Informationstheorie und Kybernetik, elektronische Medien und später Computerkunst neue Impulse. Die „generative Fotografie“, die sich als Teil der Konstruktiven Kunst sieht, entwickelt eigene Vorgangsweisen und Formen z.B. durch streng serielle Gestaltungen, die eine exakte Bildlogik, alalytisches und methodisches Vorgehen inkludiert. Chemigramme, fotomechanische Transformationen, Camera-obscura-Arbeiten, mechano-optische Untersuchungen und Lichtmalereien erweitern das Thema „Licht und lichtempfindliches Material“. In dieser Zeit wird die Fotografie auch für Dokumentationen von Land Art, Aktionen und Happenings unentbehrlich. Obwohl hier nicht die Eigenständigkeit des Mediums, sondern dessen Funktion für den Einsatz ausschlaggebend ist, hält es verstärkt Einzug in Museen und Galerien, sodass die Präsenz von Fotografie vertraut wird. Die Aktionsfotografie eines Rudolf Schwarzkoglers, Bruce Naumans oder Arnulf Rainers wird als eigenständiges Ausdrucksmittel verstanden.

Spätestens seit Andy Warhol, der den Offsetdruck als künstlerische Technik einführt, werden die traditionellen Kriterien für das, was als Original bezeichnet wird, in Frage gestellt. Traditionell war das Gemälde, das wünschenswerter Weise signiert worden war, ein Werk, das Originalcharakter besaß. Dazu kamen die verschiedenen Arten des Kunstdrucks wie Lithografie, Holzschnitte oder Radierungen, deren Technik nur eine limitierte Auflage ermöglicht. Korrekter Weise sollte nach gedruckter Auflage die Platte zerstört werden. Der Offsetdruck bietet die Möglichkeit einer unbegrenzten Auflagenzahl – wobei die Reproduktion und Massenware intendierter Inhalt in Andy Warhols Werk ist. Diese Tatsache, aber auch andere Entwicklungen in der Kunstgeschichte, wie etwa das Readymade von Marcel Duchamp, öffnen die Definition von dem, was ein Kunstwerk bzw. ein Original ist, so weit, dass sie immer wieder neu formuliert werden muss.

Zu diesem Bereich zählt auch die Fotografie, die sich erst relativ spät die Anerkennung als künstlerisches Medium geholt hat. Heute stehen die verschiedenen Formen medialer Technik sogar im Mittelpunkt des Kunstbetriebes. Besonders ab 1970 setzt ein kritischer Dialog über Fotografie ein. Heinrich Klotz sieht den Übergang zu neuen Gattungen in der Kunstgeschichte als Paradigmenwechsel, da mit einem neuen Medium etwas gesagt werden kann, was in einem alten nicht mehr möglich war. Die Verbreitung der Farb- und Großbildfotografie leistet ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zur Anerkennung als Kunstgattung. Die zunehmenden Crossovers ab der Postmoderne machen ein Zusammenspiel verschiedenster Medien und Ausdrucksmittel, zu denen unter anderem auch die Fotografie und Video zählen, zur Selbstverständlichkeit. Die Rückbesinnung auf das Gegenständliche ist ebenfalls in den letzten Jahrzehnten zu bemerken.

Insofern findet sich Hans Wetzelsdorfer in guter Gesellschaft, wenn er sich wieder mehr auf den beobachtend-dokumentarischen Aspekt in seinen fotografischen Arbeiten konzentriert. Hier zeichnet er sich durch einen gekonnten Blick für interessante Bildausschnitte aus. Er wird zum „Finder“ interessanter Szenen, die einerseits die Banalität, manchmal auch Skurrilität des grauen Alltags in den Fokus nehmen. Oft fordert das Unbedeutende, Normale, Zufällige, Hässliche mehr Gespür und Können, als das Spektakuläre. Auffallend ist auch der Aspekt des Narrativen, der in diese Bilder hineinkommt und mit einer Resemantisierung in der bildenden Kunst der letzten Jahrzehnte korrespondiert. Wobei Hans Wetzelsdorfer vielleicht weniger mit bewusster Theorie sondern mehr mit Intuition immer wieder überraschende Ergebnisse hervorbringt.

Dennoch sind auch die Phasen des Experimentierens sehr wichtig für die Weiterentwicklung seines Werkes und er hat bemerkenswerte Ergebnisse hervorgebracht. Er reagiert auf die von den Massenmedien bestimmte Umwelt, indem er laufende Fernsehbilder bearbeitet. Hinweisen möchte ich auch auf das Werk „Crash“, das aus einer Montage „spinnender“ Dateien besteht. – Es kommt hier gewissermaßen zu einer Ästhetisierung des „Abfalls“. In einer Zeit in der alle Möglichkeiten für technische Perfektion vorhanden sind, registriert die Kunstszene den Reichtum und die kreativen Möglichkeiten des Unperfekten.

Er spielt mit der Inszenierung des Objekts, wenn er oft gegensätzliche oder ungewöhnliche Gegenstände kombiniert, rückt in anderen Werken verschiedene Stadien des Bearbeitungsprozesses ins Zentrum, etwa wenn er am PC die Ursprungsmotive verfremdet, Farben und Kontraste verändert.

Grundsätzlich geht es in Hans Wetzelsdorfers Werk immer um Sensibilisierung oder Irritation der Wahrnehmung, sodass der Betrachter/die Betrachterin nach einem Ausstellungsbesuch die Umwelt mit einem anderen Blick, mit anderen Augen sehen kann. Die Vielfalt seiner Zugänge zur Umwelt, sein Mut zum Experiment und neuen Formen bringen immer wieder interessante Impulse.

 

 

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