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Martin Breindl, März 2014

TWITTER . Nachrichten aus leeren Nestern

Gezwitscher, die Luft durchdringende Kommunikation zwischen Vögeln, gehört wohl mit den Geräuschen von Wind und Wasser zur ältesten und ursprünglichsten Soundscape, die der Mensch vernommen hat. Vögel existieren als Spezies schon weit länger als Menschen. So ist unschwer anzunehmen, dass sie auch bereits über eine komplexe Kommunikationsfähigkeit verfügten, als die Menschen gerade erst begannen, so etwas wie eine Sprache zu entwickeln. Da neuere Forschungen vermuten lassen, dass Vögel weit intelligenter sind als gemeinhin angenommen, lässt sich das Gezwitscher ohne weiteres als eine Fülle von durcheinanderlaufenden Botschaften, Zurufen, Bemerkungen, Kommentaren, Chiffren, Signalen und ähnlichem denken, die in ihrer Gesamtheit einen kodifizierten akustischen Raum ergeben. Die Einzelelemente (Signale) sind für die darin beteiligten SenderInnen und EmpfängerInnen (in diesem Fall die Vögel) erkenn- und damit dechiffrierbar, den Außenstehenden (den Menschen) bleibt nur das statische Geräusch dieses Raumes.

Twitter, die digitale Echtzeit-Anwendung zum Microblogging, ist eine Übertragung dieses natürlichen Systems auf den elektronischen Raum zum Zweck menschlicher Kommunikation. Gleichzeitig Plattform, soziales Netzwerk und öffentliches Online-Tagebuch entsteht es aus pausenlos gesendeten und empfangenen Kurznachrichten, sogenannten Tweets, den Vogelrufen nachempfunden; im Unterschied zu konventionellen Massenmedien ermöglicht Twitter verschiedene Formen der Kommunikation. Gleichzeitig jedoch bildet diese ein elektronisches statisches Rauschen, aus der relevante Botschaften erst herausgefiltert werden müssen. Das ist das gemeinsame Motiv von Hans Wetzelsdorfers und Wolfgang Müllners dialogischer Ausstellung.

Hans Wetzeldorfer sammelt für seine Serie Zwitschern leere Vogelnester und fotografiert sie in seinem Studio neutral auf weißem Hintergrund mit perfekt gesetzter artifizieller Ausleuchtung. In bester Cut’n’paste Manier schneidet er seine Motive aus ihrer (natürlichen) Umgebung und fügt sie in einen neuen (künstlichen) Raum, den er mit seinen technischen Apparaturen kontrolliert. Damit ermöglicht er uns einen ungewohnten Blick auf die Natur: normalerweise sehen wir Nester entweder von unten oder besten Falls von der Seite, so gut wie nie jedoch von oben. Doch diese neue Sicht gewinnen wir nur zu dem Preis, dass diese Nester leer sind, das heißt: ihrem natürlichen Zusammenhang entzweckt. Die ursprünglichen BenutzerInnen (UserInnen), die die Nester errichtet haben, sind längst ausgeflogen – andernfalls der Fotograf sie so nicht hätte abbilden können. Obwohl es sich um gefundene natürliche Objekte handelt, waren es gleichermaßen schon von vornherein Artefakte gewesen, leeren Wohnungen gleich, die von der Schönheit des Verfalls gezeichnet sind. Hans Wetzelsdorfer nimmt keine digitalen Manipulationen an seinen Fotografien vor, und doch scheinen sie vordergründig Spuren digitalen Denkens aufzuweisen: das Ausschneiden und Einfügen, die Eliminerung des Hintergrunds, die Gaußsche Unschärfe in den Schatten. Doch diese Spuren sind allesamt analogem althergebrachtem Handwerk geschuldet – und so weist uns Wetzelsdorfer augenzwinkernd darauf hin, dass die wahrnehmbare Grenze zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit längst verschwunden ist, wie der Vogel aus dem Nest, das er einst bewohnte.

Für die Portraits seiner Serie SecondName benötigt Wolfgang Müllner gar keine konkreten Menschen mehr, ihm genügen Codes. Diese findet er in den Namen auf einem Klingelbrett eines x-beliebigen Hauses. Jeden dieser Namen (beispielsweise „Winter“) benützt er als speziellen Tweet, als Lockruf: indem er ihn in die Maske der Google-Bildersuche eingibt, ruft er quasi Portraitaufnahmen von Menschen dieses Namens (auf), die zwar an diesen Adressen wohnen könnten, es wahrscheinlich aber nicht tun. Das ist aber im Grunde auch ganz unwesentlich, denn Müllners Methode zielt auf etwas ganz anderes, und zwar auf die kodifizierte Repräsentanz von Menschen im Netz. So nimmt er die fünfzehn ersten Bilder, die die Suche ihm für einen konkreten Namen anbietet – somit auch jene Personen, die unter dem Code ihres Namens am öftesten vorkommen (was, nebenbei bemerkt, natürlich gar nichts über deren Wichtigkeit aussagt). Diese zehn Bilder legt er übereinander und erschafft dadurch eine Art von portrait idéal, das den Träger des Codes einerseits idealisiert, jedoch gleichzeitig jeder konkreten realen Grundlage entbehrt. Trotzdem kann man nicht von einem virtuellen Portrait sprechen – die Bilder stammen ja von realen Personen -, sondern müsste es vielmehr als hyperreales Portrait bezeichnen in dem Sinn, dass es so sehr nahe an unserer Wirklichkeit steht und gerade dadurch gar nichts konkretes mehr über sie auszusagen imstande ist. Die so entstandenen Portraits zu den Namen eines gesamten Hauses druckt Wolfgang Müllner auf grundierte Flächen, deren Struktur Mauerwerk oder Anstriche assoziiert. Solcherart fügt er den vorhandenen Einschreibungen neue Beschreibungen hinzu, den vorhandenen Codes neue Signale. Diese besetzen den öffentlich zugänglichen (realen und elektronischen) Raum, aus deren Versatzstücken sie gebildet sind. In die konkreten Wohnungen allerdings dringen sie nicht vor. Auch diese Nester bleiben leer. Nur die Andeutungen, wen sie allenfalls beherbergen könnten, schwirren durch die Luft.

Sowohl Hans Wetzelsdorfer als auch Wolfgang Müllner geben Nachricht über eine Welt, die zunehmend in einer Wolke von Nachrichten über sie verschwindet. Diese Nachrichten, Botschaften, Erzählungen, Kommentare kommen nicht mehr notwendigerweise von konkreten Orten; es fällt schwer zu sagen, ob die Orte, über die berichtet wird, weiterhin bestehen. Immer öfter aber bleiben sie unbesetzt. Nicht ganz von ungefähr spricht man von der Cloud. Der Klang der Cloud aber heißt Twitter. Und das ist die perfekte Soundscape für hyperreale Menschen, die aus nun leeren Nestern gefallen sind.

 

 

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