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Prof. Angelica Bäumer

Kaffeehaus und Kunst: Hans Wetzelsdorfer, Neufeld
Das Kaffeehaus hat in Österreich, besonders in Wien, eine ganz eigene und lange Tradition. Man geht nicht schnell einen Kaffee trinken wie anderswo, sondern man liest Zeitung, trifft Freunde oder hat geschäftliche Termine, das Kaffeehaus ist ein Ort der Kommunikation, um das sich zahlreiche Anekdoten ranken. So wird behauptet, dass Wien um 1900 fast ausschließlich im Kaffeehaus stattgefunden hat, dass Literaten und andere Künstler vorzugsweise im Kaffeehaus geschrieben haben.

Vieles hat sich geändert, auch in der Kaffeehauskultur. Aber trotz italienischem Espresso und amerikanischem Starbucks hat das Wiener Kaffeehaus seinen Siegeszug durch die Lande gezogen und eines der jüngsten Kaffeehäuser mit hohem Anspruch in vielerlei Hinsicht ist das Kaffehaus May in Neufeld im Burgenland.

Der Besitzer, Franz May, hat mit dem Architekten Thomas Abendroth und dem Künstler Hans Wetzelsdorfer für den Bau und die Innengestaltung zwei Persönlichkeiten eingeladen, die architektonisch und künstlerisch genau dieses Kaffeehaus geschaffen haben, das er wollte, das modern ist und gemütlich, das aber über das reichhaltige Angebot aus Backstube, Küche und Keller eine künstlerische Besonderheit bietet, weit über den üblichen Begriff von „Kunst am Bau" hinaus, indem der architektonische Raum von Thomas Abendroth durch das bildnerische Werk von Hans Wetzelsdorfer eine außergewöhnliche Symbiose bilden.

Hans Wetzelsdorfer ist Fotograf und auf die Frage, was für ihn die Fotografie bedeutet antwortet er, dass er sie als Arbeit sieht, genauso wie ein Maler oder Bildhauer. Es geht hier wie da darum kontinuierlich zu arbeiten, im Experiment neue Wege zu suchen, das Material zu erproben, Konfrontationen zuzulassen und neue Einsichten zu gewinnen. Dabei ist die Fotografie für ihn nicht nur ein künstlerisches Medium sondern auch sein bürgerlicher Beruf.
Die Themen, die ihn interessieren sind höchst unterschiedlich und kommen, wie bei anderen Künstlern auch, aus einem Wechselspiel von spontanem Einfall, weil plötzlich ein Thema auftaucht das ihn berührt, von Gedanken, denen er schon lange nachhängt oder aus konzeptuellen Überlegungen.

Im Kaffeehaus May ging es darum ein Konzept zu entwickeln, das einerseits dem hohen Anspruch, den Wetzelsdorfer an sich selbst als Künstler stellt, genügt, andererseits aber sollte das Kunstwerk nicht so dominant sein, dass sich die Besucher irritiert oder gar gestört fühlen.

Das Ergebnis seiner Überlegungen, die auch mit Franz May und Thomas Abendroth diskutiert und abgeklärt wurden, ist ein bemerkenswert homogenes und gleichzeitig höchst spannendes Bild, das seine technische Raffinesse nicht so leicht hergibt. Ist es doch von der Basis her Fotografie - und zwar Menschen im Kaffeehaus - so hat es in der vielschichtigen digitalen und malerischen Überarbeitung, auch in seiner ausgeklügelten Farbigkeit, schließlich zu einem beinahe geheimnisvollen Werk geführt, das seine fotografische Herkunft nicht verleugnet, das Technische nicht versteckt und dem Gesamteffekt den Vorzug gegeben hat, gilt es doch vor allem den Gästen das Gefühl von Harmonie und Gemütlichkeit zu vermitteln. Solches mit den Mitteln der modernen Kunst, mit der Abstrahierung des Gegenständlichen zu schaffen, ist nicht nur gelungen, sondern man kann sagen, dass das Gesamtergebnis von Architektur, Möblierung und Kunst zu einem Kaffeehaus geführt hat, das die Tradition bewahrt, aber die modernen Anforderungen berücksichtigt. Hans Wetzelsdorfer hat mit seinem bemerkenswerten Werk einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet.

Text: Prof. Angelica Bäumer, Kulturjournalistin und Autorin, Wien

 

 

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